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Interview mit „Fifty Shades of Grey“-Übersetzerin Andrea Brandl

Übersetzerin und SDI-Alumna Andrea Brandl
Bild: Übersetzerin und SDI-Alumna Andrea Brandl

Nicht erst seit dem deutschen Kinostart der Verfilmung des ersten Teils ist die kontrovers diskutierte und besprochene Buchtrilogie „Fifty Shades of Grey“ in aller Munde.
SDI-Alumna Andrea Brandl, welche die 1900 Seiten umfassenden Bücher mit ihrer Kollegin Sonja Hauser innerhalb von drei Monaten übersetzt hat, spricht mit dem SDI München über ihre Arbeit und hat sich freundlicherweise dazu bereit erklärt, die Fragen unserer Studierenden zu beantworten.

Da das Übersetzerstudium eine wichtige Säule unseres Bildungsnetzwerks bildet, wollten wir diese einmalige Möglichkeit nicht nur nutzen, um mehr über ihre Arbeit an der Buchreihe zu erfahren, sondern auch, um Frau Brandl etwas auf den Zahn zu fühlen, was das Berufsbild des Übersetzers angeht …

Frau Brandl, wie sahen Ihre ersten Aktivitäten und Aufträge aus, nachdem Sie Ihre Übersetzertätigkeit offiziell aufgenommen hatten? Wie haben Sie im Bereich der Literaturübersetzung Fuß gefasst?

Ich war von 1991 bis 1998 in der Presseabteilung der Verlagsgruppe Random House beschäftigt und hatte sehr engen Kontakt zum Lektorat, da ich im Zuge meiner Festanstellung nebenberuflich als Redakteurin tätig war. Das hat mir den Einstieg erleichtert.

Entspricht Ihr Leben als Übersetzerin – mal abgesehen von einer eher ausgefallenen Thematik wie „Fifty Shades of Grey“ – in etwa den Vorstellungen, die Sie vor Antritt der Ausbildung hatten?

Ich muss zugeben, dass ich vor Antritt der Ausbildung eine ziemlich abstrakte Vorstellung vom Übersetzerleben hatte. Aus der Theorie heraus kann sich ja niemand so recht vorstellen, was auf einen zukommt, egal bei welchem Beruf. Allerdings wurde mir bereits während der Zeit am SDI klar, dass ich noch eine zweite Ausbildung zur Hotelkauffrau machen und nicht sofort als Übersetzerin arbeiten wollte. Mein Wunsch nach einer eher extrovertierten Tätigkeit war einfach zu groß.

Was ist nach Ihrer Meinung der größte Irrglaube, mit dem viele ins Übersetzerstudium gehen?

Ich will es anders formulieren – als Übersetzer, vor allen Dingen im literarischen Bereich, reich zu werden, ist höchst schwierig. Sprich, man sollte sich darüber klar sein, dass ein hohes Maß an Idealismus erforderlich ist und der Erfolgsbegriff nicht zwangsläufig am Verdienst festgemacht werden kann.

Wie viele andere Berufe ist auch der des Übersetzers mit Klischees und Vorurteilen behaftet. Was müssen Sie sich am häufigsten anhören und wie gehen Sie damit um?

Dass ich ganz entspannt mit dem Laptop auf dem Schoß im Englischen Garten sitzen kann. Rein theoretisch eine angenehme Vorstellung, nur leider in der Praxis kaum umsetzbar; zumindest mir gelingt es nicht, die erforderliche Konzentration aufzubringen.

Haben Sie im Bereich der Literaturübersetzung oder auch der Belletristik konkrete Vorbilder, die Sie und Ihren Schreibstil beeinflussen?

Ich denke, man tut gut daran, seinen eigenen Stil zu finden. Vorbildern nachzueifern würde mir für mein Empfinden zu viel Authentizität nehmen. Dennoch ist es immer ein Vergnügen, die gelungene Übersetzung eines Kollegen zu lesen.

Gerade im Bereich der Literatur muss man häufig sehr frei übersetzen. Mussten Sie bei „Fifty Shades of Grey“ aufgrund der Thematik das Original manchmal sehr frei auslegen oder sogar neu texten, da eine wörtliche Übersetzung nicht funktioniert hätte?

Eine freiere Auslegung ist in der Belletristik ohnehin vonnöten, auch bei weniger außergewöhnlichen Themen. Im Prinzip geht es bei jedem neuen Titel darum, den Stil und Rhythmus des Autors zu erfühlen, ein Gespür für die Figuren zu entwickeln und ihnen eine deutsche Stimme zu geben. Das funktioniert grundsätzlich nur, indem man sich ein Stück weit vom Original löst.

Sie übersetzen schon länger für den Goldmann Verlag. Wie kamen Sie und Ihre Kollegin innerhalb des Verlags an den Auftrag für die Übersetzung von „Fifty Shades of Grey“?

Barbara Heinzius, die die Rechte für Goldmann erworben hat, und ich kennen uns schon viele Jahre. Ihr war bei Lektüre des Manuskripts sofort klar, dass dieses eher dialoglastige Projekt etwas für mich sein könnte, da mir die flotte Schreibe eher liegt. Da es in der Kürze der Zeit zu viel Stoff für einen Übersetzer gewesen wäre, habe ich die Zweierlösung vorgeschlagen. Der Rest ist Geschichte ☺

Die Trilogie „Fifty Shades of Grey“ wurde von Literaturkritikern überwiegend verrissen, doch der Erfolg des Werks spricht für sich. Halten Sie, da Sie sich mit dem Werk eingehend auseinandergesetzt haben wie fast niemand sonst, diese Kritik überhaupt für berechtigt?

Ach, der Erfolg hat eben nicht nur viele Väter, sondern auch viele Neider. Natürlich liegt die Stärke von Shades of Grey nicht in seiner sprachlichen Qualität, daran besteht kein Zweifel. Insofern kann ich die Kritik tatsächlich nicht von der Hand weisen; allerdings haben weder die Autorin noch der Verlag je den Anspruch erhoben, literarisch sein zu wollen. E.L. James will die breite Masse unterhalten, und das ist ihr gelungen.

Haben Sie oder Ihre Kollegin den deutschen Titel festgelegt oder wurde dieser vom Verlag vorgegeben? Wie kam es zur Entscheidung, beim deutschen Titel die Zahl („Fifty“) wegzulassen?

Mit der Titelfindung hat der Übersetzer nichts zu tun. Das ist ausschließlich die Entscheidung des Verlags, bei der natürlich auch Marketing- und PR-Argumente zum Tragen kommen.

Was hat Ihnen bei der Übersetzung am meisten Spaß gemacht, was fanden Sie am kniffligsten?

Heikel waren die Sex-Szenen. Auch wenn sie am Ende locker und flüssig daherkommen, sind sie am schwierigsten zu schreiben. Letztlich geht es ja darum, die Balance zu halten und die Spannung zu steigern, ohne dabei ins Pornografisch-Schmutzige abzugleiten.

War es schwierig, die komplexen Emotionen der ProtagonistInnen (z. B. den internen Konflikt von Anastasia) sprachlich deutlich zu machen, oder kam Ihnen hierbei die Geradlinigkeit der deutschen Sprache zu Hilfe?

Im Lauf der Monate arbeitet man sich so tief in die Materie ein, dass es nicht weiter schwer fällt, die Regungen einer Figur nachzuvollziehen.

Wie fühlt es sich eigentlich an, überall von einem Werk zu lesen und zu hören, an dem man selbst mitgearbeitet hat?

Für mich war es das erste Mal, dass ein von mir mit übersetztes Buch derart viel mediale Aufmerksamkeit erhält. Normalerweise agieren wir Übersetzer ja nur im Hintergrund. Umso aufregender ist es dann, wenn ich plötzlich Interviewanfragen bekomme. ☺

Gibt es neben „Fifty Shades of Grey“ weitere Werke von Ihnen, die gerade der jüngeren Generation schon einmal in die Hände gefallen sein könnten?

Durchaus. Nach Shades of Grey wurde ich regelrecht mit Anfragen für Trittbrettfahrer-Trilogien überrollt, zum Beispiel von S.K. Quinn. Dennoch ist mein Hauptgenre ja nicht der erotische Roman, sondern Krimis, Thriller und fetzige Frauenunterhaltung, die von jüngerem Publikum sehr gern gelesen wird.

Was ist Ihrer Meinung nach eine Schwierigkeit, mit der sich jeder Übersetzer zu Beginn seiner Karriere konfrontiert sieht? Was möchten Sie unseren angehenden ÜbersetzerInnen mit auf den Weg geben bzw. was hätten Sie, rückblickend, damals anders gemacht?

Ich kann natürlich nur für die freien Kollegen sprechen, aber die Akquise kann ein echtes Problem sein. Leider sind die Lektorate teilweise nicht sonderlich experimentierfreudig, was die Vergabe von Texten an jüngere Kollegen betrifft. Ich kann nur raten, am Ball zu bleiben, frühzeitig Kontakte zu knüpfen und sich als Redakteur einzuarbeiten, um später leichter an Übersetzungsaufträge zu kommen.

Herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit für die Beantwortung unserer Fragen genommen haben. Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Glück und Erfolg!

Interview: Nicole Zellermair und Ludwig Walter

©2019 SDI MÜNCHEN
LETZTE AKTUALISIERUNG 8.5.2015