Integration: Wer, was und wie? Erkenntnisse für Unternehmen und Gesellschaft
Vom 21. bis zum 22. November fand im Bildungszentrum Wildbad Kreuth ein Kooperationsseminar zwischen der Hanns-Seidel-Stiftung und der Hochschule für Angewandte Sprachen (Fachhochschule des SDI, München) statt. Das Seminar mit dem Titel „Kooperation als Modell für Integration – Sind Erfahrungen aus der Wirtschaft auf die Gesellschaft übertragbar?“ befasste sich damit, im Hinblick auf die Integration von Minderheiten etwaige Parallelen zwischen Wirtschaft und Gesellschaft aufzuzeigen. Das Projektteam des Masterstudiengangs „Interkulturelle Moderation und Mehrsprachige Kommunikation“ konzipierte dafür ein Programm, das Vorträge, ein Kamingespräch sowie ein Planspiel beinhaltete.
Interkulturelles Verständnis als Schlüsselfaktor für Unternehmenserfolg
In ihrem Vortrag bot Gastreferentin Karin Schwesig den Teilnehmern anhand von Fallbeispielen einen umfassenden Einblick in den Alltag internationaler Unternehmen. Die diplomierte Kauffrau mit langjähriger Führungserfahrung im Bereich Marketing und Vertrieb, in europäischen und afrikanischen Ländern, befasste sich intensiv mit dem Umgang mit fremden Kulturen, angefangen von internationalen Unternehmenszusammenschlüssen über Auslandsentsendungen von Fach- und Führungskräften bis hin zum Aufbau eines Kundenstamms im Ausland.
Als möglichen Grund für das Scheitern internationaler Zusammenarbeit nannte Schwesig die Tatsache, dass es sich bei Integrationsmaßnahmen oft nur um „Lippenbekenntnisse“ handle, spätestens dann, wenn es zu finanziellen Engpässen kommt.
Schon augenscheinliche Kleinigkeiten, wie ein unterschiedliches Zeitempfinden, könnten zu interkulturellen Missverständnissen führen. Als konkretes Praxisbeispiel nannte sie den Besuch einer indischen Delegation in einem fränkischen Unternehmen. So konnten die indischen Gäste mit einer ungeraden Uhrzeit wie 9:15 Uhr für eine Geschäftsbesprechung „überhaupt nichts anfangen“. Die Bereitschaft ausländischer Mitarbeiter, ihr Bestes geben zu wollen, sei meist sehr hoch. Wie jedoch dieses „Beste“ aussieht, sei von Kultur zu Kultur unterschiedlich, so Schwesig.
Interkulturelles Training als eines der effizientesten Instrumente
Am anschließenden Kamingespräch, moderiert von den MA-Studenten Michaela-Maria Horcicakova und Christoph Etzrodt, nahm neben Karin Schwesig auch der Vizepräsident der Hochschule für Angewandte Sprachen, Prof. Dr. Peter J. Weber, teil. Einer der Schwerpunkte war das Thema Diversity Management. Auch wenn wir diesbezüglich laut Karin Schwesig noch „nicht endgültig am Ziel angekommen“ sind, so sieht sie interkulturelle Trainings doch als äußerst effiziente Instrumente an. Wäre dieses Tool nicht auch auf die Gesellschaft übertragbar? „Unbedingt.“, lautete die Antwort von Karin Schwesig. Sie sehe nach wie vor einen erheblichen Bedarf an dieser Art von Sensibilisierung im Integrationskontext. Allerdings sei sie positiv überrascht von der Entwicklung, die sich bei der Rekrutierung von Führungskräften zeige. Bei diesen wird zunehmend Wert auf die Fähigkeit zur Selbstreflexion gelegt.
Peter Weber hingegen nannte Belgien als Beispiel - ein Land, in dem Multi-Kulti und das Bewusstsein für kulturelle Differenzen und Eigenschaften der Bevölkerung sehr ausgeprägt ist und in dem es im Zuge dessen scheinbar gehäuft zu dem Wunsch nach Aufteilung und Eigenständigkeit der einzelnen Bevölkerungsgruppen kommt. Kann gesteigertes Verständnis und Akzeptanz von Unterschieden zu einer noch größeren Abgrenzung führen? Dies verneint er letztlich aber und gibt eine Erklärung: Während die Menschen sich durchaus an die Sprachenvielfalt gewöhnt hätten, sei es die Politik, die immer wieder die Auseinandersetzung schüre, da es um Macht und Geld ginge.
Die Bewohner der Insel Albatros
Unter Einbeziehung einer Kurzvorführung mit dem Titel „Das Albatrosspiel“ konnte MA-Studentin Miriam Frankenfeld in ihrem Vortrag „Interkulturelle Trainingsmethoden“ die Teilnehmer dafür sensibilisieren, dass Menschen, selbst wenn sie bereits interkulturelle Erfahrungen gemacht haben, Andersartigkeit meist auf Grundlage ihrer eigenen kulturellen Prägung bewerten und dass kein Mensch - selbst der Trainer nicht - vorurteilsfrei ist. Das Konzept des Vorurteils gelte als natürliche Schutzfunktion, so wie das Konzept der Kultur als Hilfe zur Umweltbewältigung dient, wie bereits aus einem Impulsreferat zum Thema Kulturschock der MA-Studentin Jasmin Stiehle hervorgegangen war.
Das von Frankenfeld gewählte Schauspiel zeigte den Alltag eines Paares der Insel Albatros, in dem der Mann der Frau stets vorausging. Von den Teilnehmern wurde dies als Rangordnung gewertet. In Wahrheit gilt die Frau auf der Insel Albatros jedoch als ein heiliges Wesen, das der Mann beschützen muss, indem er vorangeht und sogar ihr Essen vorkostet. Durch den so erzielten Aha-Effekt waren die Teilnehmer empfänglich für die Anregung, sich der eigenen kulturellen Prägung bewusst zu werden und diese zu hinterfragen.
Diversity als Schlüssel zum Erfolg
Gabriela Pinto Meza, ebenfalls MA-Studentin, bezog sich in ihrem Beitrag auf den Ansatz des Diversity Managements. Eine multikulturelle Belegschaft und die Offenheit für Andersartigkeit sei ein Erfolgsrezept für Firmen, so die peruanische Studentin. Dabei stellte die Referentin die jeweilige Sicht der Unternehmen und Mitarbeiter dar. Sie stellte ausgewählte, erfolgreich eingesetzte Maßnahmen zur Integration vor. Eine von ihr durchgeführte Umfrage unter Angestellten mit anderskulturellem Hintergrund bestätigt die Notwendigkeit solcher Maßnahmen. Auf Grund der fortschreitenden Integration der Mitarbeiter und den sich wandelnden Bedürfnissen sei zugleich eine regelmäßige Überprüfung und Anpassung der angebotenen Integrationsmaßnahmen erforderlich.
Babylon in unserer Stadt
Das Planspiel „Babylon in unserer Stadt“ bot den Teilnehmern die Chance, im Hinblick auf die Integrationsdebatte andere Perspektiven einzunehmen. In dem Rollenspiel geht es um die Auseinandersetzung zwischen dem Stadtrat der Gemeinde Marienstein und der Initiativgruppe „Bücher interkulturell“, die im Sinne der ausländischen Mitbürger für eine höhere Anzahl fremdsprachiger Bücher in der hiesigen Bibliothek kämpft. Die Teilnehmer konnten dabei in Rollen schlüpfen, die sie im echten Leben nicht unbedingt vertreten und somit leichter nachvollziehen, wie „die andere Seite“ zu ihren Argumenten kommt. Eine interessante Erfahrung für alle.
Selbstreflexion als erster Schritt in Richtung interkulturelle Kompetenz
Für Seminarleiterin Carolin Roth ging aus den Beiträgen und Diskussionen vor allem hervor, dass es beim Vergleich zwischen Wirtschaft und Gesellschaft gewisse Parallelen im Hinblick auf den Ursprung der Integrationsprobleme gibt. Vor allem das Fehlen des Bewusstseins über die eigene kulturelle Identität macht das Zugehen auf andere Kulturen schwer. Die Kompetenz der Selbstreflexion sei daher „der erste Schritt in Richtung interkulturelle Kompetenz – in der Wirtschaft gleichermaßen wie in der Gesellschaft“.
Verfasst von: Projektgruppe (C. Roth, C. Etzrodt, G. Pinto Meza, M. Horcicakova, M. Frankenfeld, J. Stiehle)
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Teilnehmerstimmen
Sind Erfahrungen aus der Wirtschaft hinsichtlich der Integration von Menschen mit fremdkulturellem Hintergrund auf die Gesellschaft übertragbar?
Was die konkreten Maßnahmen betrifft, so argumentierten einige Teilnehmer damit, dass sich die Durchführung interkultureller Trainings in Verwaltungseinheiten, also im staatlichen Bereich, insofern bewähren könnte, als dadurch das Bewusstsein kultureller Unterschiede gefördert würde. Auf diese Weise wären Entscheidungsträger der Integrationspolitik interkulturell sensibilisiert, was sich positiv auf den Umgang mit der Integrationsproblematik auswirken könnte.
Verfasst von: C. Roth, Seminarleiterin
Ariane Gelhar, MA-Studentin Hochschule für Angewandte Sprachen
Die Frage der Integration ist hauptsächlich eine Geldfrage. Die Integration klappt in großen Unternehmen gut, da die benötigten finanziellen Mitteln zur Verfügung stehen. Das ist auch in der Gesellschaft zu sehen: z. B. Austauschstudenten werden in der Regel an deutschen Unis herzlich empfangen und deren Integration wird mit (kostenlosen) Sprachkursen, Mentoring-Programme und Einführungsseminare sehr gut unterstützt. Das Geld wird von Stiftungen zur Verfügung gestellt, die Akademiker unterstützen.
Andererseits ist ein Mangel an Integrationsmaßnahmen für bedürftige Neuankommlinge in der Gesellschaft zu sehen, vor allem für diejenigen, die Probleme bei der Jobsuche haben.
Deutschland muss sich als Einwanderungsland verstehen, damit Migranten herzlicher empfangen werden. Es muss auch mehr Bereitschaft unter der deutschen Bevölkerung gezeigt werden, Neuankommlinge bei der Integration auf ehrenamtliche Weise zu helfen. Dazu können die "klassischen" Einwanderungsländer als Beispiel gesehen werden, d.h. Australien, Kanada, USA.
Pablo Pérez Torres, Dozent an der Hochschule für Angewandte Sprachen
Oft ist die Wirtschaft der Gesellschaft, und oft auch der Politik, in vielem voraus. Gerade diese Erfahrungen sind übertragbar und sollten es auch sein. Zwar ist eine 1:1-Übertragung nicht immer möglich, aber zumindest der Versuch sollte gemacht werden. Wünschenswert wäre es, wenn nicht nur die Global Player, wie die Deutsche Post, Mediamarkt, usw., Vorreiter wären, sondern vor allem die mittelständischen Unternehmen, das Rückgrat der dt. Wirtschaft, sich dieses Potenzials bewusst werden. Da sind wir noch am Anfang, die „Awareness“ ist noch nicht bei allen angekommen. Aber ein Neues Deutschland ist im Entstehen, wie das Manager Magazin in der aktuellen Ausgabe schreibt.
Luitpold Sedlmeier, BA-Student Hochschule für Angewandte Sprachen
Anhand von Wirtschaftsvorgängen, wie sie Frau Schwesig geschildert hatte, kann man entnehmen wie viel Potential in gelungener Integration, aber auch wie viel Misserfolge in der Integration liegen. In der Gesellschaft spielen sicher andere, persönlicherer Werte in die Integration mit hinein, da bei einem Unternehmen auch auf die Unternehmenskultur geachtet werden muss. Des Weiteren bedeutet ein Misserfolg im Unternehmen lediglich wirtschaftlichen Verlust, im Real-life jedoch Verlust an Vertrauen und Aufbau einer kulturellen Hürde.
Jedoch sollten interkulturelle Trainings und das kulturelle Bewusstsein schon viel früher in die Erziehung mit einbezogen werden und nicht erst vermittelt werden, wenn man zu arbeiten anfängt.
Annika Becker, BA-Studentin Hochschule für Angewandte Sprachen
Ich als Studienanfängerin habe es als eine kleine Herausforderung gesehen, mit Studenten höherer Semester und Persönlichkeiten wie Frau Schwesig und Herrn Prof. Dr. Weber über das Thema Integration zu diskutieren und es hat sich definitiv gelohnt.
Die Atmosphäre war sehr angenehm, die Location idyllisch und die Beiträge aller sehr informativ und interessant gestaltet. Das Organisationstalent der Verantwortlichen fand ich beeindruckend und gab mir einen Ausblick für die Zukunft. Aufgrund der Aktualität des Themas, meinem persönlichen Interesse daran und verstärkt durch interaktive Rollenspiele wurde mir deutlich, wie wichtig es ist, eigene Standpunkte immer wieder kritisch zu überdenken und sich für positive Veränderungen einzusetzen. Alles in Allem ein gelungenes Seminar, für das ich mich bei allen Beteiligten herzlichen bedanken möchte!



