„Wir wollen unsere Absolventen bis zur Rente begleiten!“

Peter J. Weber im Interview über Pläne, Tendenzen, Visionen, die Zukunft der Lehre am SDI und an der Hochschule und den Umzug nach Obersendling

Interview: Michaela Protzen

Prof. Peter J. Weber

Nun studiert schon der vierte Jahrgang an der Hochschule für Angewandte Sprachen. Sind Sie mit der bisherigen Entwicklung zufrieden?

P.W.: Die Hochschule besteht seit 2007. Der erste Jahrgang hatte rund 60 Studenten und wurde mit fünf halben Professur-Stellen betreut. Jetzt befinden wir uns bei rund 250 Studierenden und acht zum Teil Vollzeit-Professuren. Wir haben also insgesamt die Kapazitäten ziemlich hochgefahren. In unseren alten Räumlichkeiten in der Amalienstraße hätten wir auch gar nicht mehr verkraften können.

Eröffnet der Umzug nach Obersendling dem SDI neben neuen Räumen auch neue Möglichkeiten der Lehre? Wohin wird die Reise künftig gehen?

P.W.: Das SDI ist auf dem Weg zum Dual-Mode-Anbieter: Wir werden uns von der reinen Präsenzeinrichtung weiterentwickeln und uns zusätzlich als virtuelle Fernstudieneinrichtung profilieren. Wir werden nicht mehr nur Erstausbilder sein, sondern auch den postgradualen Markt bedienen. Das ist ein Trend, der derzeit auch bei vielen anderen Bildungsträgern zu beobachten ist.

Die gesamte deutsche Hochschullandschaft verändert sich gerade?

P.W.: Ja, da findet derzeit ein Umbruch statt. Es wird für alle Bildungsträger härter, sich auf dem Gesamtmarkt zu behaupten - sowohl für die öffentlichen Universitäten als auch für Privatanbieter wie unsere Fachhochschule. Für die Jahre nach 2016 lautet die Prognose, dass die Studentenzahlen in Deutschland in den Erstausbildungs-Studiengängen erheblich zurückgehen werden. Der Grund dafür sind die geburtenschwachen Jahrgänge, die dann ihre Ausbildung oder ihr Studium beginnen werden. Diese Situation sorgt für mehr Konkurrenz unter den Anbietern.

Viele Universitäten agieren also vorausschauend und entwickeln schon jetzt neue Studien-Formate um das künftige Defizit an Erstsemester-Studenten auszugleichen?

P.W.: Ich kenne den internationalen Fernstudienbereich (distance education) aus meinen früheren Tätigkeiten sehr gut. In letzter Zeit beobachte ich, dass viele Universitäten sehr systematisch ihr Fernstudienangebot ausbauen. Und plötzlich bieten die öffentlichen Hochschulen auch postgraduate schools oder professional schools an, eben alles, was derzeit unter Marketing-Gesichtspunkten gut ankommt. Auch die Schwergewichte unter den Bildungsträgern haben erkannt, dass man mit diesem ganzen postgradualen Bereich Geld verdienen kann und muss, vor allem da jeder genau weiß, dass die Zahlen im Erstausbildungsbereich bald massiv einbrechen werden.

Und alle entdecken jetzt plötzlich dieselbe Zielgruppe - Akademiker, die noch ein Aufbaustudium absolvieren und zusätzliche Abschlüsse erwerben wollen.

P.W.: Der Bologna-Prozess wird dazu führen, dass wir auch in 10 bis 15 Jahren viel mehr Menschen haben, die im Arbeitsleben stehen und eine Höherqualifizierung brauchen. Es gibt auch die Akademiker um die 35, die aus dem reinen Arbeitsprozess ausbrechen und sich neuen geistigen Herausforderungen stellen wollen. Solche Menschen sagen sich: „Ich möchte auch nochmals denken und nicht nur malochen!“

Ist die Hochschule für Angewandte Sprachen schon dabei, sich auf dem Markt der Studienangebote neu zu positionieren?

P.W.: Erste Schritte in dieser Richtung haben wir schon unternommen. Wir haben die Lernplattform elSDI eingerichtet. Der Masterstudiengang MeTeK, ehemals TeWiKom, wird in Zukunft berufsbegleitend angeboten werden. Mit dem neuen Gebäude werden wir den Fokus auch zunehmend auf Alumni-Konzepte legen.

Alumni-Konzepte sind derzeit an vielen Hochschulen ein wichtiges Thema.

P.W.: Das stimmt und das gilt natürlich auch für uns. Wir wollen unsere Schüler und Studenten an unser Haus –das SDI und die Hochschule für Angewandte Sprachen - binden. Von den Studenten, die den Bachelor-Abschluss erworben haben, wollen die wenigsten direkt einen Master an der Hochschule anschließen, an der sie gerade ihr Bachelor-Studium absolviert haben. Aber vielleicht in 10 bis 15 Jahren. Diese Absolventen wollen wir halten. Ein Beispiel: Auf unsere Bachelor-Studiengänge IWiKo und WiChi folgt inhaltlich direkt der Master-Studiengang IKM.

Erfasst dieses Konzept auch die anderen Bereiche des SDI – Fachakademie und Berufsfachschule und Deutsch als Fremdsprache bzw. das Sprachprogramm am Abend?

P.W.: Insgesamt sollen alle Bereiche - Hochschule, BFS und FAK – noch mehr miteinander verwoben werden. Wenn ein junger Mensch etwas mit Sprachen machen will, kann er durchaus an der BFS seine Ausbildung beginnen oder als ausländischer Student am SDI Deutschkurse belegen. Danach geht er oder sie weiter in die FAK oder auf die Hochschule. Die Hochschule kann ihre Absolventen dann - mit den zukünftigen postgradualen Angeboten und Fortbildungsmöglichkeiten – bis zur Rente begleiten.

Die lebenslange Bindung der Studierenden an das SDI ist eine Ihrer Visionen für die Zukunft?

P.W.: Unsere Absolventen ein Leben oder Berufsleben lang weiterzubilden ist natürlich das Optimum, das man sich als Bildungsträger vorstellen kann. In Marketingterminologie könnten wir unser Ziel auch als langfristige Kundenbindung bezeichnen.

Ein Fokus liegt also auf dem Ausbau des postgradualen Bereichs und der Fernlehre. Gibt es auch Innovationen bei den Erstausbildungs-Studien?

P.W.: In der Hochschule denken wir derzeit sehr intensiv über den Aufbau eines weiteren Sprachbereichs nach, der dann quer in die Studiengänge eingezogen wird. Die Sprache könnte zum Beispiel Türkisch sein. Dieser Sprache und deren Kultur kommt in Deutschland eine besondere Bedeutung zu und es gibt auch wichtige wirtschaftliche Beziehungen mit der Türkei. Eine weitere Option könnte eine sogenannte „kleine Sprache“ sein. Konkretere Pläne werden natürlich erst nach entsprechenden Marktanalysen erfolgen. Wir haben zum Beispiel Tschechien „um die Ecke“ und es gibt auch durchaus Bedarf in der Europäischen Union für Tschechisch und weitere kleinere Sprachen. Da wir nie Massenanbieter sein werden, könnten wir etwas für diese oder ähnliche Nischen tun. Also auch im Erstausbildungsbereich wird sich noch einiges bewegen.

Der Abschied vom Standort Amalienstraße mit all dem nostalgischen Charme und Flair des Universitätsviertels ist nicht allen leicht gefallen.

P.W.: Ein Umzug in andere Räumlichkeiten wurde viele Jahre lang immer wieder angedacht und diskutiert. Fakt ist, dass wir so in der Amalienstraße nicht mehr weitermachen konnten. Die Gebäude waren zu alt und zu renovierungsbedürftig und es fehlte an räumlichen Kapazitäten.
Obersendling wird nie den Charme des Universitätsviertels haben. Das kann man nicht wegdiskutieren. Die Frage ist aber letztendlich, was dieses Flair beim Studieren wirklich wert ist.

Was können Studenten und Lehrende vom neuen Standort Obersendling erwarten?

P.W.: Unser Ziel muss sein, intern auf dem Campus eine gute Atmosphäre zu schaffen.
Ein großer Pluspunkt ist natürlich, dass wir auf dem neuen Campus viel mehr zusammenwachsen. Alleine dadurch, dass wir nun alle in einem Gebäude sind und nicht mehr ständig lange Wege wie in der Amalienstraße zurücklegen müssen, ergibt sich eine neue Dynamik.

„Neue Dynamik“ klingt natürlich sehr vielversprechend.

P.W.: Das hat auch noch eine andere Dimension. Das SDI möchte sich zunehmend auch als Anbieter für Kurse und Seminare für Firmen etablieren. Mit dem neuen Gebäude in der Baierbrunner Straße haben wir ein Umfeld, das den Standards im Trainingsgeschäft entspricht. Das neue Gebäude bringt unter diesem Aspekt - sozusagen von der „Hardware“ her - einen großen Professionalisierungsschub. Den müssen wir dann natürlich mit der entsprechenden „Software“ füllen und nutzen, indem wir entsprechende Kurse und Seminare anbieten.

Haben Sie dafür bestimmte Firmen als potentielle Kunden im Auge?

P.W.: Alle Unternehmen, die im internationalen Geschäft unterwegs sind, von Siemens bis Loewe. Die großen Unternehmen merken immer mehr, dass sie den interkulturellen Ansatz brauchen, den wir vermitteln können. Dazu können dann auch Kooperationen kommen, in einem bestimmten Geschäftsfeld oder in einem angewandten Forschungsbereich.

Was würden Sie – als Vizepräsident der Hochschule für Angewandte Sprachen – abschließend als Ihre wichtigste Ziele für die nächsten fünf Jahre definieren?

P.W.: In fünf Jahren werden alle MA-Studiengänge postgradual und berufsbegleitend angeboten. Die Hochschule wird auf insgesamt 300-400 Studierende anwachsen. Hinzu kommen noch die Studierenden der „BA-Externenprüfung“, ein für das SDI ebenfalls wichtiger Bereich. Damit wird dann die Kapazität unseres Audimax an der Baierbrunner Straße erreicht sein. In vier Jahren werden wir unseren Komplex durch ein weiteres Gebäude erweitern – genau zu dem Zeitpunkt, wenn wir auch soweit sein werden, den postgradualen Bereich zu bedienen. Dann haben wir einen schönen Campus, auf dem alle vier Geschäftseinheiten des SDI gut vertreten sein werden und in dem wir alle Ansprüche bestens erfüllen können.

© 2012 SDI Munich
aktualisiert am 27.09.2011
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